März 15

Ambidextrie erklärt, warum agile Führung nicht ausreicht

#3 Kläre Strukturen der Zusammenarbeit

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So schön die agilen Methoden sind, immer wieder stoßen sie an Grenzen oder sind unpassend. Bei einer Recherche habe ich den Grund dafür gefunden: organisationale Ambidextrie (für diesen Artikel kurz Ambidextrie).

Was ist Ambidextrie? Ambidextrie bedeutet ursprüngliche "Beidhändigkeit", also eine vergleichbare Geschicklichkeit beider Hände. Auf Organisationen übertragen ist damit gemeint, dass sie sowohl die Fähigkeit besitzen sich hoch-effizient zu optimieren als auch flexibel und anpassungsfähig zu sein.

Das klingt logisch und verlockend. Doch wenn sich Unternehmen ausrichten, dann stellen Effizienz und Flexibilität zwei Extrempunkte einer Skala dar.

Zunächst schauen wir uns die beiden unterschiedlichen Ausrichtungen etwas näher an, anschließen hilft uns das Denkmodell Ambidextrie dabei, die beiden Ausrichtungen unter einen Hut zu bringen.

Wie ist in Organisationen die Beidhändigkeit gemeint?

Die beiden Hände stehen für unterschiedliche Arten der Führung. Wobei keine Wertigkeit mit rechts und links verbunden ist - beide Hände werden als gleich wichtig und notwendig betrachtet.

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Welcher Typ Führungskraft bist du?

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Die rechte Hand ist das klassische Management, welches folgendermaßen charakterisiert werden kann:

  • Maximale Ergebnisse im bestehenden Geschäftsmodell erzielen
  • Prozesse optimieren
  • kurzfristige Ergebnisse erzielen: Kostensenkung, Gewinne, Produktivität
  • kontinuierliche Verbesserung aller Unternehmensbereich

Die linke Hand steht für mutiges Unternehmertum, das wie folgt charakterisiert ist:

  • Neue Geschäftsmodelle entdecken und erforschen, in Prozesse investieren deren Erfolg noch ungewiss ist
  • Nach Möglichkeiten suchen um in Zukunft noch erfolgreicher zu sein
  • Disruptive und radikale Innovationen und Veränderungen

Wenn wir die linke Hand mit agiler Führung bezeichnen, dann wird schnell klar, dass agile Führung allein nicht ausreicht um ein Unternehmen erfolgreich zu leiten.

Hast du mal probiert mit einer Hand die Schuhe zu binden? Ähnlich erfolglos wäre es, ein Unternehmen langfristig mit nur einer Hand zu führen. Beide Hände sind nötig: die rechte Hand sichert die aktuellen Einkünfte und die linke Hand sichert dem Unternehmen die Zukunftsaussichten.

Der verstorbene Prozessor Peter Kruse hat den Unterschied zwischen Manager und Unternehmer auf YouTube brillant erklärt: 

Nun kann man den beiden Händen also einen unterschiedlichen Führungsstil zuordnen:

linke Hand

rechte Hand

agile Führung

klassisches Management

Weitere Attribute zu den beiden Händen findest du auf Wikipedia.

Wirklich jeder ist der Lage beide Führungsstile anzuwenden. Doch ist unwahrscheinlich, dass du zwei gleich starke Hände hast. Jeder Mensch hat eine Vorliebe für einen der beiden Führungsstile.

Bei der Ambidextrie geht es nicht darum seine Vorlieben aufzugeben oder sich abzutrainieren. Es geht nur um den bewußten Umgang mit den beiden Händen. Hast du mal probiert mit der anderen Hand zu schreiben? Das sieht nicht gut aus, aber es geht und nach ein paar Sätzen schon deutlich flüssiger.

Man kann auch mit der anderen Hand schreiben. Doch wenn es schnell gehen soll oder wichtig ist, dann wirst du unwillkürlich den Stift wieder in deine Schreibhand nehmen!

Bei deinem Führungsstil ist das vergleichbar. Du kannst ihn wechseln, aber das ist dann auch kein Selbstläufer. Vor allem wenn du unter Druck kommst, solltest du darauf achten, ob du in deinen bevorzugten Führungsstil zurück fällst.

Erst die Kenntnis deiner Vorlieben ermöglicht dir also den bewußten Einsatz des passenden Führungsstiles.

Anhand folgender Fragen kannst du herausfinden, ob deine Vorliebe eher auf der rechten oder der linken Hand liegt:

linke Hand

rechte Hand

Ich bin gern visionär

Ich bin analytisch stark

Ich entdecke gerne ungelöste Probleme mit denen Kunden kämpfen

Ich finde in Prozessen meistens Verbesserungspotential

Ich mag Unerwartetes und lerne daraus, kein Tag gleicht dem Anderen

Ich bin bestens organisiert und kann eine hohe Arbeitsmenge stemmen

Ich höre gerne Kunden zu und erfahre was diese umtreibt

Ich schaue gerne regelmäßig auf die Finanzzahlen

Ich involviere gerne Kollegen und Mitarbeiter

Ich setze gerne schnell um

Ich gehe bewußt Risiken ein, wage gerne Experimente

Ich reduziere Risiken

Meine Ergebnisse müssen nicht perfekt sein, Hauptsache es geht vorwärts

Ich bin tief in der Materie und sorge für hohe Qualität

Wann ist welcher Führungsstil nötig?

Auf diese Frage antwortete mir ein Berater: frag doch die Mitarbeiter wie sie geführt werden wollen. Sorry, aber das ist Quatsch!

Der passende Führungsstil ergibt sich aus der Notwendigkeit für das Unternehmen. Sollte das für einen Mitarbeiter nicht akzeptabel sein, dann ist er schlicht und einfach an der falschen Stelle eingesetzt. Dann ist es besser mit ihm zusammen einen besseren Einsatzort zu suchen.

Hier ein Beispiel. Ein Mitarbeiter kam mit den Freiheitsgraden und den "unklaren Erwartungen" seiner Führungskraft im Controlling nicht zurecht. Ständig war er am nörgeln, brachte die Führungskraft mit seinen Forderungen nach klaren Anweisungen zur Verzweiflung und konnte kaum Resultate vorweisen. Nach seiner Versetzung in die Finanzbuchhaltung blühte dieser Mitarbeiter regelrecht auf - hier passte er nahezu perfekt hinein.

Dem Mitarbeiter in diesem Beispiel hätte es nicht geholfen, wenn die Führungskraft versucht hätte einen anderen Führungsstil anzuwenden. Die Arbeit selbst erforderte den Umgang mit Unbekanntem, diese Tatsache kann die Führungskraft nicht ändern.

Die beiden Führungsstile der rechten und linken Hand sind grundlegend verschieden - das hat nichts mit Freundlichkeit, Detailtiefe oder Fairness zu tun, diese Eigenschaften treffen für beide Hände gleichermaßen zu.

In einer Massenproduktion von Gewindeschrauben, müssen die Anweisungen zum Musterwechsel klar sein und von den Arbeitern schnell umgesetzt werden. Eine Führungskraft, die ihre Mitarbeiter einlädt "mal einen anderen Gewindetyp auszuprobieren", wird beim herrschenden Kostendruck schnell untergehen.

Wenn es aber darum geht neu angeschaffte Maschinen in der Halle anders anzuordnen, dann kann die Führungskraft durchaus die Mitarbeiter einbeziehen. Schließlich decken die Mitarbeiter alle Perspektiven am besten ab: wo liegen welche Teile, wie kommt es in die Maschine, wie komme bei Reparaturen an die Maschine, etc.

Die Wahl des passenden Führungsstils ist dynamisch, d.h. sie gilt für eine bestimmte Aufgabe zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn sich die Umgebungsbedingungen ändern, dann kann es sein, dass man schnell von optimieren umschalten muss zu innovieren. Ebenso kann es sein, dass es innerhalb eines Teams Aufgaben gibt, die hoch-effizient ablaufen müssen und andere agil.

Hier einige Fragen, die dir helfen mit der passenden Hand zu führen (der erste Teil bezieht sich auf die linke Hand, der zweite Teil auf die Rechte):

  • Müssen wir die Lösung erst noch entdecken oder kennen wir die Lösung schon (z.B. wie die Aufgabe zu erledigen ist)?
  • Benötigen wir maximale Flexibilität oder Effizienz?
  • Müssen wir erstmal herausfinden, was die Aufgabe erfolgreich macht oder ist die Aufgabe klar und kann allenfalls noch optimiert werden?
  • Ist es wichtiger etwas zu entdecken oder konkrete Ergebnisse zu erzielen?
  • Betreten wir hier Neuland oder gibt es schon Best-Practices und Anleitungen?

Nachdem wir wissen, mit welcher Hand wir führen wollen, setzen wir die dazu passenden Methoden ein.

Welche Methoden gibt es für die beiden Führungsstile?

Hier sind einige (Führungs-)Methoden für die beiden Hände aufgelistet und gegenübergestellt. Die meisten sind dir sicher bekannt, nun kannst du sie je nach Bedarf einsetzen.

Flexibel

linke Hand

Effizient

rechte Hand

UserStory

Pflichtenheft

SCRUM

Projektmanagement PMI

Kanban

Projektstrukturplan

Rollenklärung

Stellenbeschreibung

OKR

Individuelle Zielvereinbarung

Daily Standup

Teambesprechung

Teamschätzung

Expertenschätzung

Definition of Done

Qualitätshandbuch

Story Points

Earned Value

Design Thinking

Wertfluss-Analyse

Lean Startup

Lean Production

Business Model Canvas

Business Case

Tipps wie man eine bessere Ambidextrie erreicht?

Von einer rechts-händigen Führungskraft wird erwartet, dass sie Antworten auf die wichtigsten Fragen hat und diese mit voller Überzeugung und ohne Zweifel vorträgt.

Von der links-händigen Führungskraft erwartet man dagegen visionäre Ideen, langfristiges Denken, Neugier und hohe soziale Kompetenz.

Wer behauptet diese beiden Erwartungen gleichermaßen gerecht zu werden, kann allenfalls eine mittelmäßig Führungskraft sein. Wenn jemand mit einer Hand gut ist, dann wird er es mit der anderen nicht auch sein!

So gesehen ist es nicht erstrebenswert eine Gleichwertigkeit der beiden Führungsstile zu erreichen. Aber es ist gut, wenn man seine "schwache Hand" kennt und damit umgehen kann.

Denke daran, dass die meisten Dinge, die dir leicht fallen zu deiner starken Hand gehören. Wenn du wirklich deine schwache Hand verbessern willst, dann wirst du dich mit Aspekten beschäftigen müssen, die vielleicht unbequem, anstrengend oder wider deiner Intuition sind. Hier ein paar Tipps, die du ausprobieren könntest:

  • Bilde mit einer anderen Führungskraft, die auf deiner schwachen Handseite stark ist, eine Doppelspitze und führt ein größeres Aufgabengebiet gemeinsam.
  • Nutze die Talente von Projektleitern oder Agile Coaches in deinem Team. Delegiere wichtige Aufgaben, die deine schwache Hand betreffen, an diese Personen. Beobachte diese Profils unvoreingenommen bei ihrer Arbeit, analysiere was sie anders machen und welche Haltung und Denkweisen sie haben.
  • Beschäftige dich mit den Methoden, die du wenig kennst.
  • Probiere die Methoden in weniger kritischen Aufgabengebieten aus.
  • Gib deine Schwächen zu und ermuntere dein Umfeld, dir Rückmeldungen zu geben: z.B. "Dafür brauchen wir genauere Vorgaben" bzw. "Wäre das nicht eine Frage, die wir im Team entscheiden könnten?"

Hier noch ein paar Hinweise, wie du deine linke Hand stärken kannst:

  • lerne deinen Mitarbeitern zu vertrauen
  • akzeptiere mehr Risiko
  • fokussiere auf Fortschritte nicht auf Resultate
  • sei inspirierend mit unerreichbaren Visionen
  • arbeite mit der Vielfalt des ganzen Teams
  • arbeite an deiner Denkweise

Für die Stärkung deiner rechten Hand helfen folgende Tipps:

  • denke in Prozessen und Abläufen
  • messe die Kenndaten deiner Prozesse
  • nur die Ergebnisse zählen
  • suche Ursachen von Verschwendung
  • akzeptiere weniger Risiko
  • sei präzise und arbeite mit der Effizienz der Experten und Speziallisten
  • erlerne Methoden und über Disziplin

Hurra, du hast es geschafft und bist fast beidhändig - weitgehende Ambidextrie? Schreibe in die Kommentare, wie dir das gelungen ist - denn ich wäre es auch gerne!


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